Digital Naiv oder Digital Native. Was ist der "richtige" Weg im und im Umgang mit dem Web 2.0 - und Puzzlesteine zu Essen, Fußball und mehr ...

Samstag, 1. August 2009

Video kills the radio star – und Blogs verdrängen Printmedien

Die IT Magazine - zumindest die, in denen Unternehmenssoftware behandelt wird - werden immer dünner und weniger. Lang etablierte, redaktionell unabhängige Publikationen verschwinden vom Markt. Zum Thema Dokumentenmanagement gab es beispielsweise einmal die Spezialpublikationen info21, DoQ und BIT. Nur die BIT ist übrig geblieben. Lange journalistische Wegbegleiter müssen oder mußten sich ein neues Betätigungsfeld suchen oder schlugen den harten Weg des Freelancers ein, der seine Artikel im freien Markt für gedruckte und Online-Medien anbietet.


Für professionelle Unternehmens-IT sind heute in Deutschland nur noch eine Handvoll unabhängiger Magazine geblieben – und das ist schon großzügig gezählt. Daneben gibt es noch eine erkleckliche Zahl von Magazinen, die von gesponsorten Artikeln und Advertorials leben. Mein Worst Case: Einnahmen durch Personality Stories einwerben. Ein Geschäftsführer darf sich auf dem Titelblatt präsentieren und in der Fotoserie im Heft auf dem Poolbillardtisch räkeln – Fegefeuer der persönlichen Eitelkeiten. Sex sells? Hüstel.


Aber diese und ähnliche Maschen funktionieren durchaus noch, um Hefte zu finanzieren und am Leben zu erhalten. Lässt sich der Leser jedoch wirklich täuschen? Von Advertorials, die oft nicht als solche explizit gekennzeichnet sind? Fällt es dem Leser nicht auf, wenn in einem Heft nur Artikel stehen, die von Unternehmensvertretern geschrieben werden? Ich hoffe es mal, jedoch ist Papier geduldig. Und Papier ist wohl noch glaubwürdiger als eine Online-Veröffentlichung. Es steht halt schwarz auf weiss in der Zeitung. Und was in der Zeitung steht, BILDet.


Doch der Einfluß gedruckter Publikationen auf Kaufentscheidungen auch für den Sektor Unternehmenssoftware und professionelle IT nimmt wohl ab. Social Media gewinnt enorm an Bedeutung. In den USA wurde über SAP4SME LinkedIn group eine Umfrage durchgeführt, die interessante Ergebnisse hervorbrachte und diese Aussage untermauern. Bei der Frage, wem ein Käufer am meisten bei einer Kaufentscheidung vertraut, liegen Online Tech Sites mit 29 % wie ZDNet Kopf an Kopf mit unabhängigen Bloggern und Analysten (28 %) sogar vor Analystenfirmen (20 %). IT Magazine und Journale erhielten nur 6 % der Stimmen, Online Foren 15 %.


Sicherlich ist dies keine repräsentative Umfrage, aber sie belegt doch den Trend, dass Blogosphere, Foren und Geschäftsnetze bei Kaufentscheidungen im Markt für Unternehmenssoftware mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Dies wird Einfluss auf klassische Public Relations haben. PR wird sich zu Social Media Relations hin entwickeln. Und für Social Media stellen sich mir eine Vielzahl von Fragen.


Sind Blogosphere und Online Tech Sites nach den gleichen oder ähnlichen Mechanismen wie gedruckte Medien manipulierbar und käuflich? Oder übt das Netz eine solche korrektive Gewalt aus, dass Manipulationsversuche schnell(er) auffliegen? Ist der Vodafone-Fall Beleg dafür, dass sich die Onlineszene nicht manipulieren lässt? Oder wird es nicht „geschicktere“ Versuche geben, die nicht so einfach aufzudecken sind?


Umgekehrt: Auch in der Blogosphere gibt es hier und da eine Tendenz zur Negativberichterstattung. Auch hier scheinen „Bad News“ und „Schlammwerfen“ - oft getrieben durch Selbstdarstellungsgelüste - interessanter zu sein als die ausgewogene Berichterstattung. Gibt es in solchen Fällen Webselbstheilungsmechanismen, die so etwas ausgleichen? Oder können sich „Bad News“ nicht vielleicht künftig sogar im Waldbrandverfahren verbreiten? Aufgrund der offenen Struktur, in der prinzipiell jeder frei publizieren kann, ist die Blogosphere und Webosphere natürlich wesentlich vielfältiger, subjektiver und emotionaler (was ja auch teilweise den Charme des Webs ausmacht).


Wie werden Qualitätsartikel und -inhalte im Netz finanziert? Sind die Leser bereit, für Inhalte auf Online Tech Site zu bezahlen? Meine Prognose: Der Zug ist bereits abgefahren. Bezahlinhalte werden – bis auf gewisse Premiuminhalte - kaum noch durchzusetzen sein. Das Web ist umsonst. Kopieren ist erlaubt, oft gewünscht. Analog zu den gedruckten Magazinen werden Werbemaßnahmen die Haupteinnahmequelle für professionell betriebene Online Tech Sites sein.


Welche Bedeutung haben eher private Blogs gegenüber den professionellen Online Tech Sites? Ein Dion Hinchcliffe schreibt inhaltlich hochinteressante Blogbeiträge, aber würde er diese Reichweite erreichen, wenn die Beiträge „nur“ auf seiner Web Site statt im Rahmen von ZDnet publiziert würden? Sicher kann sich auch ein unbekannter Blogger mit entsprechender Zähigkeit und Qualität im Bereich Unternehmens-IT und Unternehmenssoftware ein Renomee und seine „Follower“ erarbeiten. Festzuhalten bleibt: Sich derart frei und problemlos zu exponieren und seine Meinung kundzutun, ging zu Zeiten nur gedruckter Medien nicht. Der Platz für Leserbriefe war halt doch begrenzt. Heute hat jeder die Chance zu bloggen


Wie soll man Blogger behandeln? Im Großen und Ganzen wie Journalisten. Eigentlich wie jeden, der sich fundiert informieren will. Sachlich und fachlich informieren. Manipulationen fliegen auf, früher oder später. Sachliche Information, offene Diskussion und Kommunikation wurden meiner Erfahrung nach auch bei kritischen Punkten gerade in der Blogosphere immer honoriert.


Anbieter – auch die, die sich mit Unternehmensoftware und Unternehmens-IT befassen – werden sich mit Social Media kreativ und konstruktiv auseinandersetzen müssen. Dort spielt künftig mehr und mehr die Musik. Dort wird Meinung gemacht. Dort muss man mitdiskutieren. Dort werden künftig Kaufentscheidungen maßgeblich mit beeinflusst. Natürlich sind noch Fragen offen und es existieren auch Risiken. Aber der Weg führt an Social Media nicht mehr vorbei, in Öffentlichkeitsarbeit, in Marketing und Vertrieb.


P.S. Und last but not least: Ich hoffe, dass für meine Kollegen, deren Jobs in den Printmedien potentiell gefährdet sind, in der Online Szene der ein oder andere Arbeitsplatz entsteht, denn gerade auch dort ist „Qualität“ gefragt.


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